Welttag der Patient*innensicherheit am 17.09.2019

Der Beitrag von Pflegefachpersonen zur Patient*innensicherheit vor dem Hintergrund von Pflegepersonaluntergrenzen.

Im Öffentlichen Diskurs wird immer wieder die Frage aufgeworfen, wie hochwertig und verlässlich die gesundheitliche Versorgung in Deutschland aufgestellt ist. Prinzipiell obliegt die Sicherung des Behandlungsprozesses von Patient*innen einem interprofessionellen Team - Pflegende haben hier aber einen besonderen Stellenwert.

Patient*innensicherheit wird definiert als Abwesenheit von unerwünschten Ereignissen, die durch die Behandlung nicht die Erkrankung entstehen (Hart, 2019). Pflegefachpersonen leisten durch ihre Arbeit einen hohen Anteil bei der Wahrung der Patient*innensicherheit. Diese Aussage wird deutlich durch wissenschaftliche Untersuchungen gestärkt:

Die Überlebensrate sowohl nach einen Herzinfarkt (McHugh et al., 2016), als auch nach einem Schlaganfall (Cole, 2014) ist nachgewiesenermaßen abhängig von der Verfügbarkeit von ausreichendem und gut qualifiziertem Pflegepersonal. Die Anzahl an verfügbaren Pflegefachpersonen scheint dabei noch ausschlaggebender als die Anzahl an ärztlichem Personal (Cole 2014). Nicht nur die Patient*innensicherheit, sondern auch die Patient*innenzufriedenheit steht im direkten Zusammenhang zur Pflege (Aiken et al., 2014; Aiken et al., 2018).

Der Pflegepersonalmangel verursacht somit einen kritischen Versorgungs- und Sicherheitszustand für die Pflegeempfänger*innen in allen Altersphasen. Mögliche Konsequenzen unzureichender pflegefachlicher Versorgung sind sowohl für die betroffenen Pflegeempfänger*innen als auch für die Pflegenden selbst ausreichend belegt (Cho, Mark, Knafl, Chang, & Yoon, 2017; Fenton, Turrill, & Davey, 2016; Giuliano, Danesh, & Funk, 2016; Schneider & Geraedts, 2016). Die Patient*innensicherheit ergibt sich unmittelbar aus der Fachexpertise und Arbeitszufriedenheit der Pflegefachpersonen und ist durch den aktuell bestehenden Fachkräftemangel in der Pflege nachweislich gefährdet.

Die Pflegepersonaluntergrenzen, welche nach Bestreben des Bundesministeriums für Gesundheit mehr Patient*innensicherheit generieren sollten, erfüllen diesen hohen Anspruch lediglich minderwertig. Es handelt sich – wie der Name schon sagt – um Untergrenzen, welche nicht auf wissenschaftlichen Berechnungen und Studien beruhen. Von einer hochwertigen, optimalen Personalbesetzung sind die angestrebten Zahlen weit entfernt (die Pflegeberufekammer hat dazu bereits ein Positionspapier veröffentlicht). Patient*innensicherheit geht weit über die mit den Personaluntergrenzen geforderten Zielsetzungen der Aufrechterhaltung von Vitalfunktionen und ausgewählten pflegesensiblen Outcomes (u.a. Dekubitus- und Sturzrate) hinaus. Die Förderung von Mobilität etwa reduziert das Sturzrisiko (DNQP, 2013) Pflegerische Kompetenzen der Aktivierung sichern nachhaltig das Wohl der Pflegeempfänger*innen auf einem hohem Niveau und gehen daher deutlich über die durch die PpUGV geforderte Vermeidungspflege hinaus. Zwar zeigen Personalbemessungsgrenzen klar einen Zugewinn an Sicherheit für Pflegeempfänger*innen und Pflegende - wie u.a. die Entwicklung im Bundesstaat Kalifornien, USA zeigt (Henneman et al., 2015; Leigh, Markis, Iosif, & Romano, 2015). Allerdings muss sich die Pflegepersonalbemessung dafür an einem hohen pflegerischen Niveau orientieren und valide ermittelt werden. Die Erlöswirksamkeit qualitativ hochwertiger Pflege ist bekannt - muss aber ebenfalls wissenschaftlich weiter nachgewiesen werden. Unstrittig scheint dennoch im europaweiten Diskurs der gesellschaftliche Nutzen kompetenter Pflege: die Patient*innen fühlen sich sicherer, zufriedener und die Gesundheitsausgaben können insgesamt reduziert werden (Royal College of Nursing, 2010).

In der aktuellen Situation des Fachkräftemangels führt die Einhaltung der Pflegepersonaluntergrenzen in den Kliniken zur Schließung von Bettenplätzen und zur Verschiebung von Personal auf die Bereiche, für die der Gesundheitsminister die Grenzen festgesetzt hat. Damit wird zwar die Behandlung der anwesenden Patient*innen sicherer, die Sicherstellung einer umfassenden Versorgung für alle behandlungsbedürftigen Personen ist aber gefährdet. Zudem verringern die Personalverschiebungen in fremde Bereiche das spezifisch notwendige Fachwissen. Das fachspezifisch qualifizierte Pflegepersonal wird bei einer solchen Verschiebung verunsichert und teils demotiviert. Es ist nicht nachvollziehbar, warum in der Pflege Personalverschiebungen stattfinden, während es für die Anhegörigen anderrn Professionen im Krankenhaus unstrittig ist, dass sie nicht ohne Weiteres aus ihren Fachdisziplinen herausgenommen werden können, um Ausfälle zu kompensieren.

Das Gesetz zur Verbesserung der Rechte von Patientinnen und Patienten (Patientenrechtegesetz) regelt vielfältige Aspekte der Versorgung. U.a. sind dort die Aufklärungspflicht durch Ärzte*innen und Heilpraktiker*innen und die Regelung zum Umgang bei Behandlungsfehlern geregelt. Leider fehlt in diesem bedeutenden Gesetz zur Patient*innensicherheit die explizite Erwähnung von Pflegefachpersonen als „Behandler“. Die Pflegeberufekammer nimmt sich dieses Themas an und engagiert sich gemeinsam mit Verbänden, Gewerkschaften und anderen Institutionen des Gesundheitswesens u.a. für eine zügige Umsetzung der Ergebnisse der Konzertierten Aktion Pflege.

 

Literaturverzeichnis

Aiken, L.H., Sloane, D.M., Ball, J., Bruyneel, L., Rafferty, A.M., & Griffiths, P. (2018). Patient satisfaction with hospital care and nurses in England: An observational study. BMJ Open, 8(1), e019189. doi.org/10.1136/bmjopen-2017-019189

Aiken, L.H., Sloane, D.M., Bruyneel, L., van den Heede, K., Griffiths, P., Busse, R., … Sermeus, W. (2014). Nurse staffing and education and hospital mortality in nine European countries: a retrospective observational study. The Lancet, 383(9931), 1824–1830. doi.org/10.1016/S0140-6736(13)62631-8

Cho, S.-H., Mark, B.A., Knafl, G., Chang, H.E., & Yoon, H.?J. (2017). Relationships Between Nurse Staffing and Patients' Experiences, and the Mediating Effects of Missed Nursing Care. Journal of Nursing Scholarship: an Official Publication of Sigma Theta Tau International Honor Society of Nursing, 49(3), 347–355. doi.org/10.1111/jnu.12292

Cole, A. (2014). Higher nurse to patient ratios on stroke units could cut one death in 25, research shows. BMJ (Clinical Research Ed.), 349, g5260. doi.org/10.1136/bmj.g5260

DNQP (2013). Expertenstandard Sturzprophylaxe in der Pflege: 1. Aktualisierung 2013 (Schriftenreihe des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege). Osnabrück.

Fenton, A.C., Turrill, S., & Davey, C. (2016). Nurse staffing to patient ratios and mortality in neonatal intensive care. Archives of Disease in Childhood. Fetal and Neonatal Edition, 101(3), F186-7. doi.org/10.1136/archdischild-2015-310156

Gesetz zur Verbesserung der Rechte von Patientinnen und Patienten (Patientenrechtegesetz). idF vom 20.02.2013 (BGBl I, 277).

Giuliano, K.K., Danesh, V., & Funk, M. (2016). The Relationship Between Nurse Staffing and 30-Day Readmission for Adults With Heart Failure. The Journal of Nursing Administration, 46(1), 25–29. doi.org/10.1097/NNA.0000000000000289

Hart, D. (2019). Patientensicherheit im Medizin- und Gesundheitsrecht. Medizinrecht, 37(7), 509–518. doi.org/10.1007/s00350-019-5267-y

Henneman, P.L., Shin, S.Y., Brun, Y., Balasubramanian, H., Blank, F., & Osterweil, L.J. (2015). Using Computer Simulation to Study Nurse-to-Patient Ratios in an Emergency Department. The Journal of Nursing Administration, 45(11), 551–556. doi.org/10.1097/NNA.0000000000000262

Leigh, J.P., Markis, C.A., Iosif, A.?M., & Romano, P.S. (2015). California's nurse-to-patient ratio law and occupational injury. International Archives of Occupational and Environmental Health, 88(4), 477–484. doi.org/10.1007/s00420-014-0977-y

McHugh, M.D., Rochman, M.F., Sloane, D.M., Berg, R.A., Mancini, M.E., Nadkarni, V.M., … Aiken, L.H. (2016). Better Nurse Staffing and Nurse Work Environments Associated With Increased Survival of In-Hospital Cardiac Arrest Patients. Medical Care, 54(1), 74–80. doi.org/10.1097/MLR.0000000000000456

Royal College of Nursing (2010). Guidance on safe nurse staffing levels in the UK. London.

Schneider, P.P., & Geraedts, M. (2016). Staffing and the incidence of pressure ulcers in German hospitals: A multicenter cross-sectional study. Nursing & Health Sciences, 18(4), 457–464. doi.org/10.1111/nhs.12292 

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