Pressemitteilung zum neuen Leistungskomplexsystem in der häuslichen Pflege

Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein zur Einführung eines neuen Leistungskomplexsystems in der häuslichen Pflege: "Neue Leistungen in der häuslichen Pflege – mehr Selbständigkeit und Selbstbestimmung"

Neumünster, den 30.08.2019 –Zum 1. September tritt in Schleswig-Holstein ein neues Leistungssystem in der häuslichen Pflege in Kraft. „In Schleswig-Holstein ist es mit dem neuen Leistungssystem gelungen, einen weitgehend fachlich fundierten Katalog von Pflegeleistungen zu entwickeln, der das Potenzial hat, die Versorgung in der häuslichen Pflege in Zukunft stärker auf die Förderung der Selbständigkeit und Prävention auszurichten“, begrüßt Patricia Drube, Präsidentin der Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein. Die Ausrichtung der neuen Leistungskomplexe ermöglicht es, die Gesundheit pflegebedürftiger Menschen zu fördern. Die Attraktivität der Berufsausübung in der Pflege steigere sich durch diese grundlegenden Handlungskompetenzen.

„Im Mittelpunkt stand bisher die Kompensation von Defiziten. Mit der Überarbeitung wurde der Schwerpunkt richtigerweise auf die gezielte Förderung der Selbständigkeit gelegt. Es wurde höchste Zeit, dass mehr pflegefachliche Leistungen von der Pflegeversicherung bezahlt werden“, sagt Drube. Bisher wurde nur die Unterstützung bei Alltagsverrichtungen – zum Beispiel beim Ankleiden oder Waschen – bezahlt. In den neuen Leistungskomplexen sind jetzt auch Maßnahmen zur gezielten Förderung der Selbständigkeit, welche Beratung und Anleitung beinhaltet, enthalten.

Allerdings geht die neue Regelung in Schleswig-Holstein noch lange nicht weit genug. Es wäre für alle Beteiligten – Pflegebedürftige, Angehörige und professionell Pflegende – eine große Erleichterung, wenn Pflege endlich nach Zeit abgerechnet werde.

„Die Überarbeitung hat viele Verbesserungen gebracht, ist allerdings immer noch zu intransparent und zu bürokratisch“, kritisiert Carola Neugebohren, Vorstandsmitglied der Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein, und appelliert an ambulante Pflegedienste, aber auch an pflegebedürftige Menschen und an ihre Angehörigen, die neuen Potenziale zu nutzen. Aufgrund des Pflegefachkraftmangels sind viele ambulante Pflegedienste an ihre Kapazitätsgrenzen gelangt. Insbesondere vor diesem Hintergrund hat die Förderung der Selbständigkeit pflegebedürftiger Menschen und die Stärkung des häuslichen Pflegesystems eine hohe Bedeutung im Hinblick auf eine langfristige Sicherstellung der pflegerischen Versorgung.

„Es muss endlich sichtbar werden, was Pflege abgesehen von der Unterstützung bei der Körperpflege leistet“, betont Neugebohren: „Pflegefachpersonen besitzen die Kompetenz die individuell vorliegenden Ressourcen der pflegebedürftigen Menschen zu erkennen. Dieses Potenzial nutzen Pflegefachpersonen auf psychosozialer genauso wie auf motorisch-verrichtungsbezogener Ebene. Damit unterstützen Sie pflegebedürftige Menschen und ihre Angehörigen darin, ihr Leben trotz gesundheitlicher Einschränkungen selbstbestimmt zu gestalten.“ Es sei eine unverantwortliche Ressourcenverschwendung, diese spezielle und flexible Kompetenz von Pflegefachpersonen nicht zu nutzen. Eine generelle Zeitvergütung ist für die Gesundheitsversorgung der Gesellschaft somit langfristig unumgänglich.

Ansprechpartner:

Jan Voß

Referent für Öffentlichkeitsarbeit und Mitgliederkommunikation

Mobil: 0159 - 01890958

E-Mail: presse@pflegeberufekammer-sh.de

Hintergrund zum Leistungskomplexsystem in der häuslichen Pflege:

Eine zentrale Aufgabe von Pflegefachpersonen in der ambulanten Pflege besteht darin, pflegebedürftige Menschen darin zu unterstützen, ihre Selbständigkeit und Selbstbestimmtheit wiederzuerlangen oder zumindest zu erhalten. Sie sind dazu ausgebildet, zu erkennen, wie im Einzelfall Pflegebedürftigkeit reduziert werden kann und wie Pflegebedürftige Menschen und ihre Angehörigen darin unterstützt werden können, ihr Leben trotz gesundheitlicher Einschränkungen selbstbestimmt zu gestalten. Diese Aufgabe fand sich bis 2017 im Pflegeversicherungsgesetz nicht wieder. Das System sah vor, dass sich die Versicherten einzelne Unterstützungsleistungen, wie zum Beispiel die Hilfe beim Ankleiden oder bei der Körperpflege, einkaufen konnten. Im Mittelpunkt stand die Kompensation von Defiziten, jedoch nicht die gezielte Förderung der Selbständigkeit durch Anleitung, gezieltes Training und Beratung. Die Einführung eines veränderten Pflegebedürftigkeitsbegriffs im Rahmen des 2. Pflegestärkungsgesetzes, das zum 01.01.2017 in Kraft trat, sollte dem Abhilfe schaffen. Laut Bundesgesundheitsministerium werden dadurch passgenaue Hilfen bereitgestellt, die dazu dienen sollen, „die Selbständigkeit und die Fähigkeiten Pflegebedürftiger zu erhalten und zu stärken“.

Um das 2. Pflegestärkungsgesetz umzusetzen, mussten die Pflegekassen mit den Verbänden der ambulanten Pflegedienste neue Abrechnungsmodalitäten aushandeln, da es bisher lediglich einen Katalog mit Leistungen gab, der sich auf die Unterstützung bei Alltagsverrichtungen (z. B. Hilfe beim Waschen, beim Ankleiden, bei der Nahrungsaufnahme) bezog. Diese Verhandlungen sind jetzt abgeschlossen und ab dem 01.09.2019 haben Pflegebedürftige die Möglichkeit, ihre Pflegeversicherungsleistungen auch für Maßnahmen zur gezielten Förderung der Selbständigkeit und für Trainingseinheiten zur Erlangung einer besseren Beweglichkeit einzusetzen. Außerdem können die Mittel aus der Pflegeversicherung für die Begleitung in der Sterbephase verwendet werden.

Hintergrund zur Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein:

Mit der Pflegeberufekammer haben Pflegefachpersonen in Schleswig-Holstein seit dem 21. April 2018 eine kraftvolle Standesvertretung. Die Pflegeberufekammer ist den etablierten Heilberufekammern (z.B. Ärztekammer, Apothekerkammer) als Körperschaft öffentlichen Rechts gleichgestellt. Sie vertritt mit 24.000 Mitgliedern die größte Berufsgruppe unter den Heilberufen. Alle Pflegefachpersonen mit einem Abschluss in der Altenpflege, Gesundheits- und Kranken- sowie Gesundheits- und Kinderkrankenpflege, die in Schleswig-Holstein arbeiten, sind Mitglieder der Kammer. Die Pflegeberufekammer nimmt mit ihren gewählten ehrenamtlichen Vertreter*innen die beruflichen und sozialen Belange der Mitglieder wahr. So können die Pflegefachpersonen erstmals selbst über die Zukunft und Weiterentwicklung des Berufsstandes in Schleswig-Holstein mitbestimmen.

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